Take me to a gaybar
„Jetzt komm schon, Roman.“ Ungeduldig zerrte Jenny am Ärmel ihres besten Freundes. „Jaja. Jetzt hetzt alte Männer doch nicht so.“ Jenny verdrehte die Augen und schnaufte abfällig. „Ich werde auch nicht jünger. Und Gott weiß, du wirst auch nicht schöner.“ Roman bedankte sich mit einer Grimasse bei ihr und streckte ihr die Zunge raus. Mit einem leisen Seufzen kam er auf die Füße und bewegte sich langsam hinter ihr her. Warum eigentlich war er noch gleich mit ihr mitgekommen? Er hatte keine Ahnung. Wenn es etwas gab, worauf er zurzeit eigentlich gar keine Lust hatte, dann war es ein lustiger Tanzabend im örtlichen Schwulenclub. „Warum sind wir noch gleich hier und nicht in irgendeiner anderen Absteige?“ Er brüllte Jenny über die laute Musik hinweg ins Ohr. „Weil ich hier wenigstens nicht Gefahr laufe, dass mich irgendein Kerl anmacht. Denn von Kerlen hab ich wirklich genug.“ Unbeirrt zog sie den armen Roman weiter auf die Tanzfläche. Doch wenn er so darüber nachdachte, war Jenny eigentlich die perfekte Begleitung für einen Abend. Denn wenn jemand grade noch mehr Pech in der Liebe hatte als er, dann war es wohl definitiv Jenny. Er hatte sich nur in einen dummen, pubertierenden Schwachkopf verliebt und nicht in seinen Bruder. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen ließ er sich nun doch etwas bereitwilliger ziehen, bis Jenny endlich den perfekten Platz gefunden zu haben schien. Mit einem gekonnten Hüftschwung setze sie sich langsam in Bewegung und bald darauf tanzten beide auch schon ausgelassen im Takt der Musik. Ja, er musste es zugeben. Das war es, was ihm gefehlt hatte. Einen unbeschwerten Abend mit jemandem, der genauso unglücklich war wie er. Nichts gegen Anette oder Ingo, aber ihr Glück machte ihn an manchen Tagen einfach nur krank. Nein, bloß nicht falsch verstehen. Er gönnte es ihnen beiden von ganzem Herzen, hatten sie doch auch lange genug gebraucht, um zu begreifen, was doch alle anderen schon so lange wussten. Doch in seiner jetzigen Verfassung war es einfach nicht förderlich, jeden Tag aufs Neue daran erinnert zu werden, was er grade so schmerzlich vermisste.
„Ha, siehst du? Wir brauchen keine anderen um Spaß zu haben. Wir haben uns und das reicht ja wohl vollkommen.“ Jenny hing sich an seinen Hals und machte eine kleine Drehung, die beide fast das Gleichgewicht kostete. Roman kicherte. Er hatte sie schon lange nicht mehr so gesehen. Hatte er sie jemals schon so gesehen? Vielleicht waren es auch nur die fünf Cocktails, die langsam dafür sorgten, dass ihre Fassade fiel. Aber er mochte es. Ja, es machte ihn grade fast ein wenig glücklich. Doch plötzlich hielt er inne. Die ersten Takte eines Liedes erklangen und die Menge begann zu johlen. Es war so sehr Klischee, dass es fast schon wieder gut war. Marianne Rosenberg wummerte aus den Boxen und trällerte „Er gehört zu mir“. Mit einem kleinen, begeisterten Schrei begann Jenny aufgeregt zu hüpfen und sang kopfwackelnd mit. Nur Roman blieb wie erstarrt. Plötzlich erinnerte er sich wieder. An den Nachmittag von Deniz und Marians Umzug. Wie Marian ihn verraten hatte und wie Deniz gelacht hatte, als er sein dunkles Geheimnis um Marianne Rosenberg gehört hatte. Nein, nicht weiter daran denken, nicht weiter erinnern. Er schüttelte energisch den Kopf, aber es war zu spät. Seine Gedanken glitten weiter. Wie er versucht hatte, ihm den kleinen Kuss auf die Hüfte zu geben, wie sie umgefallen und auf dem Sofa gelandet waren. Seine Lippen waren so weich auf seinen gewesen, die Berührungen hatten sich so unglaublich gut angefühlt. Hatte er sich jemals schon so gut gefühlt? Nein, er konnte sich nicht erinnern. Dann das Gespräch mit Marian. „Ich glaube, dass er eigentlich ganz glücklich mit mir ist.“ Wie hatte er sich nur so irren können? War das alles nur eine Lüge gewesen?
Nein, dies konnte keine Lüge gewesen sein. Es war wahr. Egal, wie sehr sich Deniz jetzt auch sträubte. Es war die Wahrheit gewesen. Er hatte ihn geliebt. Ja, verdammt. Er liebte ihn immer noch. Das wusste Roman einfach. Er hatte so viel auf sich genommen. Hatte fast seine Familie verloren, seine Freunde. Und wofür? Nur um mit ihm zusammen sein zu können. Bedeutete das denn alles gar nicht? War das alles wertlos? Nein. Es bedeutete etwas. Es bedeutete die ganze Welt. Es war Liebe. Egal, was er sagte. Und ein Blick in die dunkelsten Augen der Welt reichte, um ihm zu sagen, was er doch eigentlich immer schon wusste. Er liebte ihn. Er liebte ihn immer noch. Und nichts auf der ganzen Welt würde das jemals ändern. Vielleicht wusste er es grade selber nicht. Vielleicht konnte er es sich selber nicht eingestehen. Aber Roman wusste es. Er liebte ihn. Und er würde warten. Egal, wie lange.
„Hey, du Schlafmütze. Machst du schon schlapp? Aufgeben gilt nicht.“ Jenny puffte ihn unsanft in die Seite. Lächelnd sah er auf. „Nein, aufgeben gilt nicht.“
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