Da war er also nun wieder. Mitten in der Siedlung, wo er die schönsten und schlimmsten Momente seines Lebens erlebt hatte. Er hatte das Gefühl ewig weg gewesen zu sein, doch nichts schien sich hier geändert zu haben. Die Bäume standen noch alle an derselben Stelle, die Häuser hatten die selbe Farbe. Nein, hier in Essen änderte sich so schnell nichts. Doch er hatte sich geändert. Der Roman Wild, der nun hier stand, war nicht mehr derselbe von damals. Zumindest wünschte sich Roman das sehr. „Ahhhh. Sie sind da.“ Eine wohlbekannte Stimme schrie auf dem Fenster des dritten Stocks. Roman wandte seinen Blick lächelnd nach oben. „Wir können dich hören, Anette.“ „Na, dann kommt auch endlich hoch. Muss ja nicht die ganze Nachbarschaft hören, dass unser aller Lieblingshase endlich mal seinen schnuckeliges Popöchen nach Essen geschafft hat.“ Sie lachte herzlich und Roman erkannte, wie sehr sie ihm eigentlich gefehlt hatte. Schnell hievten Roman und Patrick ihre Koffer in den Fahrstuhl und in sekundenschnelle waren sie auch schon im Loft angelangt, wo sie eine überschwängliche Anette sofort begrüßte. „Anette, ich bekomme keine Luft mehr.“ Keuchte Roman, wurde aber trotzdem nicht aus der schraubstockartigen Umarmung seiner Freundin erlöst. „Ich hab dich ewig nicht gesehen. Ich hab was nachzuholen.“ Murmelte sie nur in sein Haar. Lächelnd gab Roman seinen Widerstand auf und kuschelte sich ebenfalls dicht an die so vermisste Freundin. Es tat so gut, alleine ihre körperliche Nähe zu spüren. Anette hatte es immer geschafft, ihn aus den tiefsten Tälern herauszuholen. Einfach nur durch ihre Anwesenheit. Roman hatte zwar leider keine Geschwister, doch er hatte in Anette eine würdige Ersatzschwester gefunden.
„Und? Wie geht es dir? Und jetzt mal die ehrliche Version ohne das ganze Smalltalkgeplänkel.“ Anette schaute ihn durchdringend an, während er es sich noch etwas gemütlicher auf ihrem Bett machte. Unter dem Vorwand Roman unbedingt das Hochzeitskleid zeigen zu müssen, hatte sie die beiden von den übrigen Gästen des Roman-Empfangskomitees losgeeist, um wenigstens ein paar Minuten für sich zu haben. „Mir geht es sehr gut, Anette.“ Roman lächelte seine Freundin an, die noch nicht ganz überzeugt schien. „Patrick ist einfach wunderbar. Er trägt mich auf Händen. Wir machen so viel gemeinsam in London. Gehen am Wochenende in eine Ausstellung oder mit Freunden in einen Club. Alles, ist so, wie es immer sein sollte. Ich bin wirklich glücklich.“ „“Also hast du es doch noch geschafft, dich in ihn zu verlieben.“ Stellte Anette nüchtern fest. „Das ist nicht fair. Ich hab ihn immer geliebt, ich liebe ihn. Es ist nur…“ Er brach ab. Er konnte es nicht aussprechen. „Er ist nicht Deniz.“ Anette vollendete Romans Gedanken. Die wenigen Worte trafen Roman wie ein Faustschlag. Wie oft hatte er es in den letzten Monaten gedacht? Er konnte es nicht zählen. Aber es laut ausgesprochen zu hören, war ebenso überraschend wie schmerzhaft. Er schloss die Augen. „Ich habe noch nie in meinem Leben jemanden so geliebt. Das weißt du. Er war mein Alles. Ich habe alles für ihn getan und ich hätte darüber fast mich selber verloren. Was ich jetzt mit Patrick habe, ist vielleicht nicht dasselbe. Aber es ist sicher, es ist ehrlich, es ist das, was ich will.“ Er schluckte. „Aber trotzdem habe ich wahnsinnige Angst, ihn wieder zusehen. Himmel, ich kann nicht einmal seinen Namen aussprechen. Wie soll ich ihm denn nur gegenübertreten können?“ Unruhig fuhr seine Hand durch das Haar. „Du weißt, dass er immer noch mit Vanessa zusammen ist?“ „Ja, Jenny hat es mir erzählt. Es hat sich also nichts geändert.“ Er schaute Anette in die Augen. „Nichts hat sich geändert.“ Beide wussten, dass nicht nur die Beziehung von Deniz und Vanessa gemeint war.
Er schnappte sich schnell seinen Mp3-Player und wollte leise das Zimmer verlassen. „Na, wo schleichst du dich denn hin?“ Patrick lächelte ihn schlaftrunken an. „Ich wollte nur noch eine Runde joggen gehen, bevor das ganze Hustle and Jostle hier losgeht.“ E lächelte entschuldigend. „Du bist so unglaublich. Deine besten Freunde heiraten heute und du denkst trotzdem ans Training.“ Patrick schüttelte lachend den Kopf. „Ich muss nur noch ein wenig meinen Kopf frei bekommen. Die Rückkehr nach Essen nimmt mich mehr mit als gedacht.“ Antwortete Roman ehrlich. „Na, dann lauf mal schön, mein Häschen.“ „Hey, fängst du jetzt auch noch mit dem ganzen Hasenkram an?“ Roman hob drohend den Finger. „Ich dachte, das magst du.“ Patrick grinste ihn frech an. „Ich mag dich.“ Entgegnete Roman und gab ihm einen letzten Kuss, bevor er aus der Tür verschwand. Patrick seufzte. Er hatte gewusst, dass die Rückkehr nach Essen schwer werden würde. Aber er hatte es sich nicht so vorgestellt. Seit ihrer Ankunft war Roman abwesend und verträumt und Patrick war sich fast sicher zu wissen, wovon sein Freund träumte. Er seufzte leise. Er hatte gewusst, was er mit einer Rückkehr nach Essen aufs Spiel setzen würde, aber er hatte nicht gedacht, dass dieses Spiel so riskant werden würde. Und bisher hatte Roman Deniz nicht einmal gesehen. Patrick wusste zu genau, an welcher Stelle ihre Beziehung nun stand. Aber er hoffte auch, dass wenn er dieses Mal mit Roman nach London zurückging, das es dieses Mal nur sie beide allein waren und dass das hässliche Phantom Deniz endlich in Essen zurückbleiben würde.
Samstag, 3. Mai 2008
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

3 Kommentare:
"Er ist nicht Deniz." Dieser Satz hat mich schon beim ersten Mal lesen am Meisten berührt und hat es auch diesmal wieder geschafft.
geisterleserin 1
Deine neue geschichte erinnert mich an die fernsehserie.
Besonders weil ich hoffe das bei beiden Deniz endlich Vanessa vergisst...
Aber die hoffnung stirbt ja bekanntlich zu letzt.
danke schön, ihr zwei.
und @geisterleserin:
die seriennähe bleibt hier nicht lange erhalten.. so viel ist sicher.. ich bin mir jedenfalls mehr als sicher, dass diese geschichte niemals in einer vorabendserie kommen würde.. aber warten wir es ab.. *nicht zu viel verraten will*
Kommentar veröffentlichen