Montag, 31. März 2008

Dero - Liebe allein - Part 4

Erschöpft, aber überglücklich wachte Roman an diesem Samstagmorgen auf. Es war gestern sehr spät geworden nach der Aufzeichnung, aber immerhin waren sie weiter gekommen. Nein, sie waren nicht einfach nur weitergekommen, sondern waren sowohl vom Publikum als auch von der Jury zum besten Paar des Abends gewählt worden. Roman war sich wohl bewusst, dass die Publikumswertung rein gar nichts mit ihm zu tun hatte, sondern nur mit der Beliebtheit seiner Partnerin, doch das Juryurteil war für ihn gewesen. Sie hatten damit seine eigene Leistung und seine Leistung als Trainer bewertet und auf beides konnte er sehr stolz sein. Ria war gelaufen wie ein alter Hase und sie hatten perfekt harmoniert. Wenn er dabei an einige seiner lieben Eislaufkollegen dachte, deren Partner nicht nur einmal das kalte Eis geküsst hatten, konnte er nur ein Stoßgebet zum Himmel schicken, dass man ihm diesen talentierten Engel zur Seite gestellt hatte. Dabei hatte ihre Kür gar nicht so sonderlich gut angefangen. Als Tim ihnen beiden kurz vor dem Lauf noch Glück wünschen wollte und beiden einen Kuss auf die Wange gegeben hatte, wäre Roman fast vor lauter Nervosität hingefallen. Aber kaum waren die Scheinwerfer auf ihn gerichtet, war das alte Zirkuspferd wieder in der Manege und er lief perfekt wie immer. Aber Tim. Er hatte in letzter Zeit mehr an ihn denken müssen, als gut für ihn war. Dabei wusste er nicht einmal warum. Er war mit Deniz zusammen und er liebte ihn über alles. Er hatte so viel Schlimmes durchmachen müssen für diese Beziehung und er war eigentlich recht glücklich mit ihm. Natürlich gab es da einige Dinge, die ihn manchmal störten, aber im Grunde seines Herzens hatte er diese Beziehung vom ersten Augenblick gewollt als er Deniz getroffen hatte. Das nun nicht alles Rosa-Sonnenschein war, das war nur normal. Nichts konnte so sein, wie er es sich in unzähligen, schlaflosen Nächten vorher ausgemalt hatte. Aber wie sollte es das auch? Das war nun die Realität und die war immer anderes als die Träume. Also warum war da immer wieder Tim, der in seinen Gedanken spukte?

Das Klingeln seines Handys ließ ihn aufschrecken. Auf dem Display konnte er den Anrufer erkennen. Deniz. Wieder keimte sein schlechtes Gewissen auf. „Hallo Schatz. Was gibt’s?“ Romans Stimme klang etwas heiser. „Hey, ich wollte dir nur zu deinem Erfolg gestern Abend gratulieren. Ihr beide wart echt traumhaft zusammen.“ Die Stimme am anderen Ende klang aufrichtig begeistert. „Ich glaube, alleine die WG hat gestern dreitausend Mal für euch angerufen.“ Deniz Lachen klang in Romans Ohren. Er liebte dieses Lachen so. Und doch klang es ganz anderes als das dunkele Samtlachen einer bestimmten anderen Person. Er schüttelte diesen Gedanken sofort wieder von sich. „Dann haben wir euch also unseren Sieg zu verdanken?“ „Ach Quatsch. Das habt ihr schon ganz allein geschafft. Du hättest gestern mal Diana und Anette sehen müssen. Die beiden haben mit euch mitgefiebert, das war schon fast unheimlich. Das Anette das Sofakissen nicht komplett verspeist hat.“ Deniz kicherte. „Aber mal was ganz anderes: Ria und ich wollen heute Abend losziehen und unseren Erfolg feiern. Hast du vielleicht Lust mitzukommen? Ich würde mich echt freuen. In letzter Zeit haben wir ja irgendwie kaum mal eine Minute für einander.“ Romans Stimme hörte sich etwas sehnsüchtig an und somit fiel Deniz seine Antwort auch nicht leicht: „Ich würde ja gerne, aber mein Dad hat mich zum Kellnern abkommandiert. Jetzt so lange das Baby noch nicht da ist, wollen Dad und Nadja noch mal ein schönen, romantischen Abend verbringen und irgendwer muss den Laden ja schmeißen. Tut mir wirklich leid.“ Roman konnte seine Enttäuschung kaum verbergen. „Ja klar, das versteh ich schon. Schade. Aber vielleicht haben wir ja nächste Woche mehr Glück.“ Er seufzte. „Ja, das hoffe ich auch. Du fehlst mir nämlich.“ Roman musste lächeln. „Du mir doch auch.“

Ria hatte Roman am frühen Abend abgeholt. Natürlich war sie standesgemäß mit Limo und Bodyguard am Loft aufgetaucht. Entschuldigend murmelte sie: „Tut mir echt leid für den Aufstand, aber ganz ohne Bodyguard geht das nicht mehr. Bei euch im Zentrum ist das ja okay. Das ist ja für die breite Öffentlichkeit gesperrt, aber wenn ich abends unterwegs bin, dann ist das einfach zu gefährlich.“ Roman lächelte sie ermunternd an. „Kein Problem. Ich wollte schon immer mal wissen, wie das ist, ein Superstar zu sein.“ Er kicherte. „Na, dann rein mit ihnen in de Limousine, Herr Wild. Ich werde dir heute Abend schon zeigen, wie das Leben der Reichen und Berühmten ist.“ Sie warf sich schwungvoll ins Auto. „Und danach wirst du feststellen, wie doof das eigentlich ist.“

Nach kurzer Fahrt hatten sie auch schon das Exilia erreicht. Der absolute Nobel- und Prominentenschuppen Essens. Geduckt liefen sie durch ein kleines Blitzlichtgewitter Richtung Eingang, wo sie auch sofort von einem der Kellner in Empfang genommen und weiter zur Vip-Lounge geführt wurden. Oder wohl eher das, was man in Essen eine Vip-Lounge nannte. Roman sah sich um und erkannte niemanden dieser angeblichen Prominenten, was ihn auch eigentlich nicht weiter überraschte, war Essen ja nun auch nicht grade für seine Stardichte berühmt. Wozu aber dann der Vip-Bereich? Irritiert schaute er Ria an. „Du fragst dich, wer diese ganzen Leute sind, richtig?“ „Ja schon.“ „Das sind alles irgendwelche C-Promis, von denen noch kein Mensch gehört hat oder Kinder reicher Eltern. Die meinen, dass sie uuuuunbedingt in die Vip-Lounge müssen. Man ist ja wichtig.“ Sie lachte. „Dabei wäre ich viel lieber bei dem Normalvolk da unten. Aber das geht ja leider wegen der Sicherheit nicht. Tony würde nen Herzinfarkt bekommen, wenn er mich da unten beschützen müsste.“ „Na dann werden wir Tony mal nen Gefallen tun und brav hier oben bleiben. Außerdem sind wir ja richtige VIPs.“ Er zwinkerte Ria vergnügt zu und orderte beim Kellner die ersten Gläser Champagner.

Nach ihren ersten zwei Gläsern Champagner und einiger Manöverkritik zum gestrigen Auftritt hielt es beide nicht mehr auf ihren Sitzen. Ausgelassen enterten sie die Tanzfläche und Roman war wirklich beeindruckt vom tänzerischen Können seiner Partnerin. Es war so oder so einfach schön, mal wieder in einem Club zu sein. Bis auf die eine Ausnahme in München war er mit Deniz noch nie in einem Club zum Tanzen gewesen. Deniz schien sich nicht sonderlich dafür zu interessieren und in Romans Lieblingsclub gab es strenge Passkontrollen, wo Deniz mit seinen 17 Jahren schlechte Karten gehabt hätte. Doch er merkte jetzt, wo er sich mit Ria gemeinsam über die Tanzfläche drehte, wie sehr er das eigentlich vermisste. „Hey ihr beiden Süßen. Hab ich euch ja doch noch gefunden.“ Die laute Stimme, die er plötzlich neben sich vernahm, ließ ihn erschauern. „Mensch Tim. Du hast es ja doch noch geschafft.“ Lachend fiel Ria ihm um den Hals. „Hallo Roman.“ Tim schaute ihn an. „Hey.“ Mehr konnte er nicht zurückgeben. Er fühlte sich, wie überfahren. „Komm, wir setzen uns erstmal. Du hast ja noch gar nichts zu trinken.“ Energisch schnappte sich Ria ihre beiden männlichen Begleiter und zog sie mit zu ihrem kleinen Separee. „Ihr könnt euch ja schon mal setzen und was bestellen. Ich verschwinde mal grade für kleine ihr-wisst-schon-was.“ Sie grinste verlegen und verschwand. Roman und Tim ließ sie in mitten einer peinlichen Stille zurück. „Ihr habt gestern echt verdient gewonnen.“ Tim brach als erster das Eis. „Ich meine, nicht das ich Ahnung davon hätte, aber ihr saht wirklich toll aus.“ Er lächelte Roman an und dieser bekam ein Gefühl, als wären seine Beine aus Butter. „Danke. Aber Ria ist auch eine wunderbare Partnerin. Das macht das ganze sehr leicht.“ Er traute sich kaum, ihn anzusehen. „Nein, ich glaube eher, dass es an ihrem wunderbaren Partner liegt.“ Er schaute Roman tief in die Augen. Versucht er etwa, mit mir zu flirten? Roman war irritiert und gab verlegen zurück: „Ach Quatsch.“ „Doch, doch. Ich meine, ich hab echt keine Ahnung vom Eislaufen, aber bisher dachte ich immer, männliche Eiskäufer wären alles so Klischeeschwule, aber das da auch so unglaublich gut aussehende Männer mitfahren, das hätte ich nicht gedacht. Vielleicht hätte ich mich dann schon früher dafür interessiert.“ Wieder lächelte er Roman an, welcher sich nur wünschte, dass Ria so schnell wie möglich wieder kommen würde. Er würde dem Charme dieses unglaublichen Kerls nicht mehr lange stand halten können. Roman hustete unsicher. „Wie lange bist du denn schon mit deinem Freund zusammen? Er ist ja doch noch sehr jung.“ Deniz. Mit einem Schlag war er wieder in seinem Leben. Er war mit Deniz zusammen und dieser Schnösel würde daran auch nichts ändern. „Wir sind jetzt seit ungefähr einem halben Jahr zusammen und Deniz ist fast achtzehn.“ Seine Antwort war bissiger, als er es gewollt hatte. „Hey, jetzt mal ganz ruhig. Ich wollte weder dich noch ihn beleidigen.“ Abwehrend hob Tim die Hände. „Ich stell es mir eben nur schwierig vor mit so einem jungen Kerl, das ist alles. Ich meine, ihr habt doch sicher ganz unterschiedliche Interessen.“ Damit hatte Tim seinen wunden Punkt getroffen. Zielsicher und ohne irgendwelche Umwege. Denn natürlich machte Roman der Altersunterschied zu schaffen. Sie waren so unterschiedlich und durch ihren Altersunterschied lebten sie auch noch in so unterschiedlichen Lebenswelten. Das machte ihm so oft so große Angst. Er wusste, dass er Deniz liebte, aber manchmal reicht die Liebe allein einfach nicht. Tims Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Hey, jetzt grübel nicht. Tanz lieber mit mir.“ Mit diesen Worten zog er Roman von dem kleinen Sofa und nahm ihn mit zur Tanzfläche. Er ließ Roman gar keine Zeit zum Protestieren. Doch Roman hätte auch gar nicht protestiert. Ein Blick in Tims Augen, die Berührung seiner Hand an seinem Handgelenk und vor allem die wilde Entschlossenheit ließen Roman innerhalb von Sekunden alles um ihn herum vergessen und es gab nur noch die Musik und sie beide.

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