Erschöpft ließ sich Roman auf die Umkleidebank fallen. Das erste Training mit seinem Schützling war relativ gut verlaufen und er konnte zufrieden mit sich sein. Adriana hatte sichtlich Spaß am Training gehabt und auch die ersten Gehversuche auf dem Eis hatten erstaunlich gut geklappt. Sie war aber auch wirklich eine sehr begabte Person. Man konnte ihr ihre Tanzerfahrung deutlich anmerken und auch sonst war er beeindruckt von ihrer Disziplin und ihrem Ehrgeiz. Zusammen würden sie gute Chancen bei diesem Wettbewerb haben und das freute Roman sehr. Mit einem kleinen Kichern musste er wieder an Deniz Befürchtungen denken. Er hatte durchaus registriert, dass sein Freund sich beim morgendlichen Abschied etwas zögerlicher verhalten hatte als sonst und auch die Tatsache, dass Deniz gefühlte tausend Mal am Ballettsaal (natürlich rein zufällig) vorbei geschlichen war, war ihm nicht entgangen. Wie konnte er nur auf solche Gedanken kommen? Roman konnte es immer noch nicht fassen. Natürlich sah Adriana gut aus und er musste zugeben, dass sie eine wirklich nette und kluge Frau zu seien schien. Er konnte verstehen, warum sie der Traum unzähliger schlafloser Männerrnächte war. Doch ihn ließ das eigentlich vollkommen kalt. Natürlich, er hatte auch Erfahrungen mit Frauen gesammelt. Allerdings hatte ihn jede dieser Erfahrungen nur weiter darin bestärkt, dass er nun mal nicht auf Frauen stand. Er war schwul und das war er auch sehr gerne. Wieso Deniz das nicht verstehen konnte, war ihm ein Rätsel. Vielleicht, weil er sich selber noch nicht so sicher war? Vielleicht, weil er das Thema Frauen noch nicht so ausgeschlossen hatte, wie er, Roman? „Na herrlich, Roman. Nun hat dich Deniz mit seinen kruden Fantasien schon angesteckt, “ lachend schüttelte er den Kopf und ging Richtung Dusche.
„Hey, du bist ja noch da.“ Erstaunt hatte Roman Adriana an der Zentrumsbar entdeckt und sich zu ihr gesellt. „Ja, ich warte noch auf meinen Manager. Der wollte mich eigentlich abholen kommen, aber wie immer..“ sie seufzte. „ist er zu spät.“ „Na dann will ich dir mal die Wartezeit verkürzen, indem ich uns einen Kaffee spendiere.“ Lachend setzte sich Roman neben sie und orderte bei Petra zwei Kaffee. „Ich muss im Übrigen sagen, ich bin wirklich sehr beeindruckt von dir.“ Adriana schaute Roman ungläubig an. Dieser lachte nur: „Hey, das soll jetzt keine billige Anmache werden.“ Jetzt musste auch Adriana lachen: „Gott sei dank. Du glaubst gar nicht, wie viele schlechte Anmachen ich schon hören musste, die mit diesen Worten eingeleitet wurden.“ „Nein, nein, keine Angst. Ich bin da ganz harmlos. Zumal.. Vielleicht sollten wir das gleich klarstellen… Ich bin schwul. Ich hoffe, dass ist für dich kein Problem.“ Fast ein wenig trotzig blickte Roman ihr weiter in die Augen und hielt ihrem Blick stand. „Nein, absolut nicht. Mein Manager, Tim, ist auch schwul. Und ich glaube, ich darf voller Stolz sagen, dass ich so was wie seine Schwulen-Mutti bin.“ Sie lächelte ihn an. Wenn sie Roman nicht eh schon so furchtbar sympathisch gewesen wäre, dann hätte sie spätestens mit diesem Satz nun sein Herz im Sturm erobert. „Na, dann muss ich dir mal unbedingt Anette vorstellen. Das ist nämlich MEINE beste Freundin. Ich schätze, ihr hätte euch ne Menge zu erzählen. Das schwere Schicksal, wie es ist, immer nur die zweit best gekleidetste Person neben dem besten Freund zu sein. Die ganzen wunderbaren Männergeschichten….“ Jetzt waren beide am lachen und das Eis zwischen ihnen war nun komplett gebrochen. „Und wo wir grade bei Männergeschichten sind.“ Verschwörerisch legte sie ihre Hand ihren Mundwinkeln und raunte: „Wie siehts denn da bei dir aus?“ Sie war einfach zu niedlich. Roman musste erneut lächeln. „Ja, da sieht es zurzeit gut aus.“ „Na, wie jetzt? Das ist aber keine detailreiche Antwort. Ich meine, wir beide müssen ja jetzt als Paar harmonieren und da ist es das Beste, wenn wir uns gleich alles erzählen. Außerdem möchte ich gewarnt sein, wenn irgendein gut gebauter Muskelmann mir droht, ich soll meine manikürten Finger von seinem Freund lassen.“ Sie zwinkerte ihm zu. Roman hatte das Gefühl, als würde er sie schon ewig kennen. Sie waren nicht wie zwei Trainingspartner, die sich grade von fünf Stunden das erste Mal gesehen hatten, sondern eher wie alte Freunde, die sich seit der Schulzeit nicht mehr gesehen hatten. Sie wussten zwar nichts über das aktuelle Leben des Gegenübers, doch war da diese seltsame alte Vertrautheit. Sie benahm sich auch so gar nicht, wie man sich eine berühmte und erfolgreiche Sängerin so vorstellte. Sie war unkompliziert, lachte viel und schien sich wirklich für ihre Umwelt zu interessieren. Roman war beeindruckt. Warum also nicht auch gleich mit der Tür ins Haus fallen und ihr von Deniz erzählen? „Na gut. Du lässt ja eh nicht locker.“ „Gut erkannt.“ Dieses schelmische Grinsen in ihrem Gesicht stand ihr hervorragend. „Hast du vorhin den jungen Mann bemerkt, der die ganze Zeit um den Ballettsaal getigert ist?“ „Ja. Ich dachte schon, dass wäre ein verrückter Fan oder so was.“ Roman errötete. „Nein, knapp vorbei. Das war mein Freund.“ Er grinste sie etwas zerknirscht an, denn eigentlich war ihm Deniz Aktion nun vor Adriana nur noch peinlich. „Ach so. Na, da hab ich aber die Blicke ganz falsch gedeutet, was?“ „Ja, er ist so ein klitzekleines bisschen eifersüchtig.“ Gab Roman nun verlegen zu. „Wegen mir?“ antwortete Adriana entrüstet. „Ich fürchte schon.“ Roman wurde immer kleinlauter. „Aber Moment. Du bist schwul, ich ne Frau, setzen sie das Lösungswort ein.“ „Ich weiß. Aber eigentlich ist es auch egal. Er ist ein super lieber Kerl und ich glaube, ihr werdet euch mögen. Deniz ist Eishockeyspieler und trainiert auch hier im Zentrum, daher werdet ihr euch über kurz oder lang sicher häufiger über den Weg laufen.“ „Aber nicht, dass ich mich irgendwann vor einer Bande wütend gewordene Eishockeyspieler verstecken muss, weil sie glauben, ich will ihrem Kumpel den Kerl ausspannen.“ Sie lachte erneut. „Nein, keine Angst.“ Roman war sehr erleichtert über dieses Gespräch. Sie war wirklich eine sehr nette Frau und er mochte ihren Sinn für Humor. Das würde das Training sicher sehr viel leichter machen. Und wer konnte das schon so genau sagen? Vielleicht hatte er in Adriana, der Sängerin mit mehreren Platinscheiben und Echoauszeichnungen, sogar eine neue Freundin gefunden.
„Na hier steckst du also? Ich steh mir da draußen schon die Beine in den Bauch.“ Hinter ihnen erklang eine Roman unbekannte Stimme. Adriana drehte sich schnell um und antwortete: „Ja, wo soll ich denn sonst auf dich warten? Bei dem Hundewetter vielleicht draußen?“ Sie lachte. „Außerdem hatte ich hier drinnen eine viel nettere Unterhaltung.“ Roman, der bis jetzt noch schwer mit seinem Kaffeebecher beschäftigt war, drehte sich nun auch um. Und sah in die wohl blausten Augen, die er jemals gesehen hatte. „Roman, darf ich vorstellen? Das ist Tim, mein Manager.“ Mit offenem Mund war dieser immer noch nicht fähig, überhaupt zu reagieren. Er hatte das Gefühl, als wenn er in den beiden tiefblauen Seen seines Gegenübers ertrinken würde. „Freut mich.“ Tim streckte ihm die Hand entgegen. „Ja, hallo, ich bin Roman.“ Er brachte nur eine stotternde Antwort heraus und gab dem gut aussehenden Fremden automatisch die Hand. Dabei hatte er die Gelegenheit den Neuankömmling noch ein wenig genauer zu betrachten. Und was er sah, verschlug ihm fast den Atem. Blondes Haar kräuselte über einem markanten Gesicht, aus welchem die blauen Augen wie zwei Sterne strahlten. Die darunter liegende Nase war kühn geschwungen und die Lippen hatten die perfektesten Proportionen, die er jemals gesehen hatte. „Und, wie war das Training?“ Die samtweiche Stimme des Managers riss ihn aus seiner Betrachtung. „Toll. Roman ist echt ein Schatz.“ Lachend drückte sie ihm einen kurzen Kuss auf die Wange. „Er hat sehr viel Geduld mit mir. Alles muss er mir dreimal erklären. Ich glaub, ich bin fürs Eislaufen zu dämlich.“ Sie zwinkerte Roman zu. „Das kann ich mir ja gar nicht vorstellen.“ Tim lächelte seinen Schützling liebevoll an. Dieses Lächeln schickte Roman wieder in die unendlichen Sphären seiner Faszination. Er konnte es einfach nicht glauben. An diesem Mann schien alles perfekt. „Aber nun los, Ria. Du hast noch einen Pressetermin. Wir sind eh schon wieder zu spät.“ Tim trieb zu eile an. „Als wenn das meine Schuld wäre.“ Adriana schnaubte. „Wir sehen uns dann morgen, Roman. Der Tag heute hat mir wirklich Spaß gemacht. Ich hoffe nur, dass mein Muskelkater morgen nicht allzu schlimm sein wird.“ Roman brachte nur ein kurze: „Hmm.“ heraus, bevor die beiden ihn an der Theke zurückließe. Er schaute ihnen noch nach, doch irgendwann waren die beiden durch die Haupttür verschwunden und mit dem Klappen der Tür, klinkte sich auch Romans Verstand wieder ein. Himmel, was war das grade gewesen?

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